Von Boris Burkhardt

Chemiemüll Die Grenzach-Wyhlener Bürgerinitiative kämpft nun als Verein für die Totalsanierung der Kesslergrube – und spannt mehr mit den Muttenzern zusammen.

Weder das Grundwasser noch ein Fluss interessieren sich für Landesgrenzen. Aus dieser einfachen Erkenntnis heraus spannen Muttenzer und Grenzach-Wyhlener schon seit einiger Zeit zusammen, wenn es darum geht, das Gift aus dem Boden beiderseits des Rheins zu bekommen. «Es handelt sich bei den Verursachern um dieselben Firmen», erklärt Manfred Mutter. Der Grenzach-Wyhlener Professor für Bioorganische Chemie, der fünf Jahre an der Uni Basel und 20 Jahre an der EPF Lausanne lehrte, ist der Vorsitzende des neuen Vereins «BI Zukunftsforum», mit dem sich die bisherige lose Interessensgemeinschaft in Grenzach-Wyhlen kürzlich eine rechtliche Form gab.

«Hochgradig vergiftetes Material mit 4000 unbekannten Substanzen» bedrohe das Grundwasser und den Rhein und über die Brunnen in der Hard und den Langen Erlen «das Trinkwasser von 250000 Menschen im Kanton Basel-Stadt und in der Agglomeration». Die den Baselbietern wohl vertrauten Warnungen beziehen sich bei Mutter jedoch nicht auf die Deponie Feldreben in Muttenz, sondern auf ihre «Zwillingsschwester», die Kesslergrube in Grenzach, nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt.

Totalaushub statt Versiegelung

Wie bekannt, ist dort der Präzedenzfall entstanden, dass auf derselben Deponie eine Besitzerin, nämlich die Roche, ihre Hälfte komplett aushebt, während die andere Besitzerin, die BASF, ihre Hälfte nur mit kegelförmigen Spundwänden versiegeln will. Beide Methoden wurden von den Behörden des Landkreises Lörrach rechtlich genehmigt – doch wie die Muttenzer bei Feldreben fordern auch die Grenzach-Wyhlener auf der BASF-Hälfte den Totalaushub.

Weil sich die Umweltaktivisten beiderseits des Rheins über ihre gemeinsamen Probleme klar geworden seien, «haben wir beschlossen, in Zukunft trinational aktiv zu werden», erklärt Mutter. Am 28. Juni marschierten die beiden Interessengemeinschaften aus Protest von der Kesslergrube nach Basel. Daniel Kühn, ein junges motiviertes Mitglied des neuen Grenzach-Wyhlener Vereinsvorstandes, ist ausserdem regelmässiger Gast bei den Sitzungen der Muttenzer BI «Feldreben richtig aufräumen». Auch die Einwohnergemeinden Muttenz und Riehen schlossen sich der Einsprache der Gemeinde Grenzach-Wyhlen gegen die BASF-Pläne an. Die Antwort auf diese Einsprache wird bis Ende des Jahres von den deutschen Behörden in Freiburg erwartet.

Grenzach-Wyhlen: Sondermüll-City

Wird Grenzach-Wyhlen zum «Innovationspark» oder zu «Sondermüll City»? Diese plakative Alternative ist die Quintessenz des zweiten vorrangigen Ziels des neuen Vereins. Auch bei der Ansiedlung der Chemierecycling-Firma Zimmermann auf dem Areal der BASF handelt es sich oberflächlich um ein deutsches Problem. Doch auch hier stellt Mutter die grenzüberschreitenden Umweltgefahren dar: «Wir stehen in regelmässigem Kontakt mit Kollegen in Gütersloh, wo Zimmermann seinen Sitz hat. Es gibt immer wieder Klagen über Verunreinigungen im dortigen Fluss Lutter. Warum sollte das beim Rhein anders werden?» An einen Brand wie 1986 bei Sandoz wolle er gar nicht denken.

Mutter warnt ausserdem, dem Image eines kleinen «Familienunternehmens» aufzusitzen: Die Firma Zimmermann suche schon seit Jahren nach einem Standort für den Chemiemüll aus ganz Süddeutschland. 140000 Tonnen davon sollen laut Mutter jährlich in Grenzach-Wyhlen verarbeitet werden. Dafür sei der Standort mit seiner Anbindung an Schiffs,- Bahn- und Lasterverkehr perfekt. Anfragen aus der Schweiz gebe es bisher noch nicht; man würde sich ihnen aber sicher nicht verwehren, hat die Firma laut Mutter in einer öffentlichen Fragerunden gesagt.

Mutter arbeitet heute als Berater in einer pharmazeutischen Firma in Lausanne. Er versicherte deshalb glaubhaft, dass die Forderungen des Zukunftsforums keineswegs gegen die Pharmaindustrie gerichtet seien. Ihn treibe im Gegenteil die Befürchtung an: Wenn die BASF mittelfristig ginge und die Sondermüllentsorgung alleine auf dem Areal bliebe, welche der boomenden Basler Life-Science-Firmen wollte sich dann noch in Grenzach ansiedeln?