: Zwei Zeitungsartikel Stuttgarter Zeitung vom Dienstag, 29. November 2011

Quelle: Stuttgarter Zeitung vom Dienstag, 29. November 2011 S. 23

Grün-Rot lässt Chemieabfälle im Boden

Altlasten Am Hochrhein lagern vermutlich weit mehr als 100 000 Tonnen Giftmüll der Basler Industrie.

VonWolfgang Messner

Trotz neuer Vorwürfe über eine unsachgemässe Sanierung der Chemiemülldeponie Hirschacker sieht die grün-rote Landesregierung keinen Grund, eine umfangreichere Entsorgung in Angriff zu nehmen. Es gebe „derzeit keinen Anlass, kurzfristig die Angelegenheit wieder grundlegend aufzugreifen“, teilt das Stuttgarter Umweltministerium auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung mit. Der Basler Geograf Martin Forter erhebt in seinem im vergangenen Jahr in der Schweiz erschienenen Buch „Falsches Spiel“ über die Umweltsünden der Basler chemischen Industrie den Vorwurf, die 2009 abgeschlossene Teilsanierung der Hirschackergrube sei unter falschen Voraussetzungen erfolgt. Die Sanierung sei deshalb nur eine „Halblösung“. Der Experte behauptet ferner, dass mit der 14 Millionen Euro teuren Entsorgung das Problem mit dem Chemiemüll nicht gelöst worden und das Trinkwasser von Grenzach-Wyhlen auch weiterhin gefährdet sei.

Forter hatte für Greenpeace den Sanierungsprozess zunächst mit Zustimmung der Behörden und der Konzerne kritisch begleitet, sich aber am Ende gemeinsam mit Greenpeace von dem Ergebnis distanziert. Schon damals bemängelten die Umweltschutzorganisation wie der Experte, dass die weitgehend vom Basler Roche-Konzern bezahlte Sanierung von Anbeginn der Untersuchungen im Jahr 1989 falsch angegangen und schlussendlich fehlgeschlagen sei. Es sei versäumt worden, das 73 Hektar grosse Areal grossflächig nach giftigen Substanzen abzusuchen. Stattdessen hatten die Bagger nur zwei Schwerpunktfelder ausgegraben – sogenannte Hotspots. In denen fahndeten Männer in weissen Ganzkörperanzügen gezielt nach leicht flüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffen (LHKW), weil diese angeblich allein das Grundwasser verseucht hätten. Wenige Meter von der Hirschackergrube entfernt, verläuft der Rhein, in unmittelbarer Nähe liegt auch ein Trinkwasserbrunnen der Stadt.

Das mit der Prüfung betraute, europaweit tätige Ingenieurbüro HPC hatte anfangs nur elf bis 14 Substanzen aus der LHKW-Gruppe überprüft. Erst später wurde die Suche ein wenig ausgeweitet. Das federführende Landratsamt Lörrach und mit ihm die damalige Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) hatten „einzig das Schutzgut Grundwasser“ als „sanierungsrelevant“ anerkannt. Eine Beeinträchtigung oder Gefährdung des Bodens, der Flora und Fauna oder des Menschen gehe von der Altlast am Hochrhein nicht aus, liess Gönner wissen.

Im Jahr 2007 wurden Schätzungen der Chemieindustrie bekannt, wonach von den 50er bis in die 90er Jahre des vorherigen Jahrhunderts im gesamten Dreiländereck rund 160 000 Tonnen Chemiemüll entsorgt worden waren. Wie viel giftiger Abfall auf deutscher Rheinseite noch vor sich hindämmert, weiss niemand ganz genau. Aber die deutschen Behörden sehen offenbar keinenweiteren Sanierungsbedarf.

Bei der Lipps-Grube in Weil-Haltingen haben zwar Anfang vergangener Woche Untersuchungen zum Grundwasserabstrom begonnen. Aber die Erkundungen und die Einrichtung von vier weiteren Grundwassermessstellen sollen nach Auskunft des Landratsamtes Lörrach lediglich zur Bestätigung der bisherigen Erkenntnislage dienen. Und die besagt, dass von dem Chemiemüll keine Gefahr ausgeht.

Forter bezweifelt auch dies. Die frühere Kiesgrube war nach Behördenangaben zwischen 1939 und 1976 mit Bodenaushub, Bauschutt „und zu einem geringen Teil auch mit Abfällen der Industrie“ verfüllt worden. Nur fünf Prozent der 600 000 Quadratmeter grossen Grube sei mit Chemiemüll verunreinigt, erklärt Umweltdezernent Ulrich Hoehler auf Nachfrage. In internen Angaben von Novartis und Ciba werden die Verschmutzungen genauer benannt. Danach sind 1200 Tonnen Chemiemüll in der Lipps-Grube dokumentiert. Die Konzerne gehen rein rechnerisch davon aus, dass insgesamt sogar 4000Tonnen dort liegen.

Auf dem Hirschacker lagern nach internen Schätzungen der Basler chemischen Industrie noch immer zwischen 1500 und 100 000 Tonnen Chemiemüll – je nachdem, welche Quelle man zitiert. Unstrittig ist, dass auf dem Gelände bis zu 5000 verschiedene giftige Stoffe und Verbindungen vor sich hinwabern. Beim Aushub der beiden Hotspots stellten die Ingenieure allein am Grubenrand 400 Schadstoffe fest. Darunter fanden sie neben einer Vielzahl unbekannter Stoffe Substanzen, die im Verdacht stehen Krebs fördernd, hochgiftig oder gar tödlich zu wirken. Darunter sind Polyaromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Benzole, Furane, Dioxine und insbesondere eine Unmenge Hexachlorethan. Dieser Umstand sei von HPC und dem Landratsamt ignoriert worden, kritisiert Forter. Einen Untersuchungsauftrag für Perchlorchetylen (PER) oder Hexachlorethan habe es nie gegeben. Der Verdacht liege nahe, dass die aufgefundenen LHKW, wie das giftige Tetrachlorethen – auch als PER benannt –, vor allem Abbauprodukte von Hexachlorethan sind, so Forter.

Den Nachweis dazu habe erst vor kurzem eine Studie der Université de Neuchâtel zur Feldrebengrube bei Muttenz in der Schweiz geführt. Diese Grube war unmittelbare Vorgängerdeponie des Hirschackers und war von denselben Firmen mit Chemieabfall, insbesondere Hexachlorethan, verfüllt worden. Die Behauptungen, die Behörden wüssten nicht, welche Stoffe genau im Hirschacker liegen, sei ebenfalls widerlegbar. Als Beweis zitiert er einen vertraulichen Ciba-Bericht aus dem Jahr 2002.

Darin listet der Chemiekonzern detailliert auf, in welchen noch nicht sanierten Teilen des Areals noch riesige Mengen an Giftmüll lagern. Bereits halbsanierte Flächen, die an diese „Giftparzellen“ grenzen, hätten die Projektverantwortlichen wieder zuschütten lassen. „Dabei waren die Verschmutzungen mit blossem Auge erkennbar“, erinnert sich Forter. Die Behörde teilte mit, sie könne keinen Grund für eine mangelhafte Sanierung erkennen.

Das Material aus dem Hirschacker sei auch unsachgemäss entsorgt worden, meint der 48-Jährige und zitiert ein internes Mail von HPC an Roche und das Landratsamt Lörrach vom 22. September 2008. Darin bestätigt HPC, dass die auf der Hirschacker- Baustelle praktizierte Abfalldeklaration „bei strenger Auslegung“ einer in Baden- Württemberg geltenden Richtlinie widerspreche. Bereits Anfang 2008 war als unbedenklich deklarierte Erde vom Hirschacker auf der Freiburger Hausmülldeponie Eichelbuck nicht akzeptiert worden. Stattdessen wanderten später 17 000 Tonnen Erde vom Hirschacker auf Deponien in Rheinland-Pfalz.

Greenpeace Schweiz sieht weiter dringenden Handlungsbedarf, die Chemiegifte im Dreiländereck zu entsorgen. „Nur so können wir das Grund- und Trinkwasser der Bevölkerung nachhaltig schützen“, erklärt Greenpeace-Experte Mathias Wüthrich. Im Hirschacker sei das Gift durch den Eingriff in den Boden nur verteilt und nicht zerstört worden, bemängelt er.

Für den Hirschacker sei eine Totalsanierung notwendig. Die aber würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten, was wohl ein wichtiger Grund sei, weshalb ihn die entsorgungspflichtige Stadt Grenzach-Wyhlen, das Landratsamt Lörrach und das Umweltministerium ablehnten. „Selbstverständlich würden wir frühere Entscheidungen überprüfen, wenn diese auf falschen Grundannahmen fussen“, räumt Umweltdezernent Hoehler ein. „Aber dazu sehen wir gegenwärtig keinen Anlass.“


Eine Totalsanierung kostet Hunderte Millionen Euro

Entsorgung Wie viel Chemiemüll auf deutscher Seite lagert, weiss niemand. Die Behörden sehen kein Problem.

VonWolfgang Messner

Geschichte In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat die chemische Industrie von Basel ihren Abfall in früheren Kiesgruben im Dreiländereck der Schweiz, Frankreich und Deutschland vergraben. Die Ablagerung erfolgte ohne Genehmigung der zuständigen Behörden. Davor hatten die Chemie- und Pharmafirmen ihren Müll einfach in den Rhein gekippt. Während Kritiker wie der Basler Geograf Martin Forter von 18 solcher illegaler Lagerstätten ausgehen, spricht die chemische Industrie in Basel von etwa 13Giftmülldeponien.

Giftmüll Nach internen Schätzungen der Basler Chemie lagern in den Gruben im Dreiländereck von Schweiz, Frankreich und Deutschland 160 000 Tonnen Giftmüll. Auf deutscher Rheinseite ruhen ebenfalls mehrere Zehntausend Tonnen. Wie viel genau es sind, vermag niemand zu sagen. Allein in der Hirschackergrube in Grenzach-Wyhlen (Kreis Lörrach) sollen – je nachdem, welchen Angaben man trauen will – zwischen 1500 und 100 000 Tonnen schlummern. Ausserdem lagern in der Kesslergrube und im Fuchsbäumleäcker sowie der Ciba-Geigy-Grube (alle Grenzach-Wyhlen), der Lippsgrube (Haltingen/Weil) und im Steinbruch Mönden bei Lörrach/Inzlingen Chemiemüll, der nach Meinung von Kritikern in seiner Qualität und Quantität weitgehend unerforscht ist. Das Landratsamt Lörrach und das baden-württembergische Umweltministerium sehen hingegen keine Gefährdung der Bevölkerung.

Firmen Alle noch heute tätigen Firmen der Basler Chemie waren an der umweltschädlichen Weise der Entsorgung ihrer Abfälle beteiligt. Früher hiessen sie Ciba, Geigy, Sandoz und Roche. Durch Konzentrationen und Namensänderungen sind sie heute als Novartis, Roche, Syngenta, Ciba/ BASF sowie Clariant bekannt. Nach langem Schweigen und Zögern sowie öffentlichem Druck haben sie die Verschmutzungen zugegeben und sich in der Interessengemeinschaft Deponiesicherheit Region Basel zusammengeschlossen. Diese sollte der Entsorgung dienen, ist aber inzwischen wieder aufgelöst worden.

Sanierungen Die Feldrebengrube in Muttenz/ Schweiz muss für rund 300 Millionen Schweizer Franken vollständig saniert werden, ebenso die Grube Bonfol im Schweizer Kanton Jura, wofür gut 350 Millionen Franken notwendig sind. Die Totalsanierung der Grube Kölliken im Kanton Aargau wird sogar auf 500 Millionen Schweizer Franken taxiert. Obwohl sie von ihrem hochgiftigen Gehalt von Greenpeace und Kritiker Forter ähnlich eingeschätzt wird, halten die Behörden eine 2009 abgeschlossene, 14 Millionen Euro teure Teilsanierung bei der Deponie Hirschacker für ausreichend.